Wir lesen regelmäßig für Sie und halten die Ohren auf: Hier fassen wir für Sie Publikationen, Artikel und Meinungen aus der medizinischen Medienwelt zusammen. Alles, was wichtig ist, neugierig oder nachdenklich macht – rund um die Themen Gesundheit, Medizinforschung, Labordiagnostik und Therapeutik.

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Immunantwort bei SARS-CoV-2 Infektion

Immer mehr Publikationen erscheinen derzeit auch zur Beschreibung der Immunantwort bei SARS-CoV-2 Infektion. Nach bisherigen Erkenntnissen deutet sich an, dass diese sich nicht wesentlich von der bei bereits bekannten akuten Viruserkrankungen unterscheidet.

Zwei Publikationen zum Thema Immunantwort und Stellenwert der Antikörper möchten wir Ihnen hier vorstellen:

Ein australisches Team untersuchte Immunparameter bei einer 47-jährigen Frau im Verlauf der Erkrankung. Bemerkenswerterweise war der nasopharyngeale Abstrich 7 Tage nach Beginn der Symptome wieder negativ auf SARS-CoV-2. Daraus schließen die Autoren, dass ab diesem Zeitpunkt die Immunabwehr die Infektion kontrollieren konnte. Diese effektive Immunantwort war gekennzeichnet durch einen Anstieg follikulärer T-Helferzellen und B-Zellen, die auf eine wirksame Antikörperproduktion hindeuten. Ebenso wurde eine Expansion der zytotoxischen CD8-T-Zellen beschrieben.

Quelle:
Kedzierska et al, Breadth of concomitant immune responses prior to patient recovery: a case report of non-severe COVID-19, Nature Medicine, 2020

In einem weiteren Artikel zum Coronavirus-Ausbruch wird beschrieben, dass sich in vitro die Infektion von Zellen durch Zugabe von Serum von erkrankten Personen blockieren lässt. Diese Blockade der Virusinfektion spricht dafür, dass infizierte Personen nach Abheilung der Krankheit eine gewisse, wenn nicht sogar vollständige Immunität gegenüber der Infektion aufweisen! Die ersten IgM-Antikörper waren nach 8 Tagen erstmals nachweisbar. Das Auftreten von langlebigen IgG-Antikörpern dauerte dann etwa 14 Tage, wie das auch von anderen akut verlaufenden Viruskrankheiten bekannt ist.

Quelle:
Zhou et al, A pneumonia outbreak associated with a new coronavirus of probable bat origin, Nature 579, 270–273, 2020

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Maserninfektionen löschen Teile des Immungedächtnisses

Das Masernvirus ist ein behülltes einzelsträngiges Negativstrang-RNA-Virus aus der Familie der Paramyxoviridae im Genus Morbillivirus von etwa 150 nm Größe. Die Kontagiosität (Ansteckungsfähigkeit) liegt mit 98 % sehr hoch und beginnt circa eine Woche vor Ausbruch des Exanthems und dauert noch 2-3 Tage nach Abblassen des Exanthems an. Es gibt keine asymptomatischen Verläufe bei Erstinfektion (1).

Die Letalität beträgt normalerweise 1:3000 und kann bei Mangelernährung, Immunsuppression o. Ä. auf 10 % und in Entwicklungsländern auf bis zu 25 % steigen (1). Die Mehrheit der mit Masern assoziierten Komplikationen und Todesfälle sind auf Sekundärinfektionen zurückzuführen, die das Ergebnis der masernbedingten Immunsuppression sind (2; 3).

Neuere Untersuchungen (4; 5) zeigen, dass diese Immunsuppression deutlich länger anhält und schwerwiegender ist wie bisher gedacht. Dabei konnten durch Bestimmung der Gen-Sequenzen für den B-Zellrezeptor die B-Gedächtniszellpools vor und nach Maserninfektion charakterisiert und verglichen werden. Die ermittelte genetische Restrukturierung nach Infektion führt demnach zu einer deutlichen knochenmarksbedingten Diversitätsminderung der naiven B-Zellen sowie zu einer Verarmung der bisher gebildeten B-Gedächtniszellen bzw. der Antikörperantwort und damit zur einer partiellen Löschung des bisher aufgebauten Immungedächtnisses. Die Beobachtung, dass Kinder die eine komplikationslose Masernerkrankung durchgemacht haben, für bis zu fünf Jahre ein höheres Erkrankungs- und Todesfallrisiko aufweisen (4) können hiermit plausibel erklärt werden.

Diese neuen Erkenntnisse sowie die hohe Zahl an z. T. schweren, nicht selten fatalen Komplikationen zeigen, wie wichtig eine konsequent durchgeführte Masernschutzimpfung ist.

Literatur:
1. B. Neumeister, H.K. Geiss, R. W. Braun, P. Kimmig, Mikrobiologische Diagnostik, 2. Aufl. 2009, Georg Thieme Verl, P.920
2. D. L. Miller, Frequency of complications of measles, 1963. Report on a national inquiry by the public health laboratory service in collaboration with the society of medical officers of health. Br. Med. J. 2, 75–78 (1964)
3. A. P. Beckford, R. O. Kaschula, C. Stephen, Factors associated with fatal cases of measles. A retrospective autopsy study. S. Afr. Med. J. 68, 858–863 (1985).
4. Velislava N. Petrova1 et al., Incomplete genetic reconstitution of B cellpools contributes to prolonged immunosuppression after measles. Sci. Immunol. 4, eaay6125 (2019) 1 November 2019
5. Duane R. Wesemann, Game of clones: How measles remodels the B cell landscape, B cell receptor sequencing sheds light on how measles cripples the immune system long after recovery from clinical disease Sci. Immunol. 4, eaaz4195 (2019) 1 November 2019

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Das Ökosystem in unserem Körper

Ca. 40 Billionen Mikroben leben in unserem Darm, das ist 5000-mal so viel wie Menschen auf der Erde leben. Sie setzen sich aus Bakterien, Hefen, Pilzen und Viren zusammen und werden insgesamt als Darmmikrobiom bezeichnet. Man hat schon über 2000 Spezies entdeckt, doch normalerweise leben in einem Menschen nur einige Hundert dieser Arten. Die Zusammensetzung dieser Darmbesiedelung unterscheidet sich von Mensch zu Mensch und hat einen wesentlichen Einfluss auf körperliche Beschwerden wie z. B. Herz-Kreislauf-Leiden oder Allergien oder auch auf die Psyche bis hin zur Entwicklung seelischer Probleme.

Im Laufe der Evolution haben diese Bakterien zunehmend weitere Aufgaben übernommen, die weit über das bloße Verdauen hinausgehen. Sie können lebensnotwendige Vitamine produzieren und produzieren Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren, die die Zellen der Darmschleimhaut mit Energie versorgen. Man schätzt, dass ca. ein Drittel aller Stoffwechselprodukte, die im Blut kursieren, von Darmbakterien stammen. Nach jeder Mahlzeit verändert sich das Darmmikrobiom etwas, je nachdem welche Ballaststoffe und Stärke zur Verfügung stehen. Bei vielfältiger Ernährung ist die Diversität der Bakterien hoch und kann kurzzeitige Veränderungen abfangen. Doch wenn ein Mensch sich von Fertiggerichten und viel Fleisch, Zucker und Fett ernährt, kann dies das Mikrobiom in eine Schieflage bringen und die Diversität der Bakterienzusammensetzung nimmt ab. Diese fehlende Vielfalt bietet pathogenen Bakterien die Gelegenheit sich zu vermehren und ihre schädliche Wirkung zu entfalten.

Man weiß, dass der Geburtsvorgang und die Ernährung in den ersten Lebensmonaten zur Entwicklung des Mikrobioms beitragen. Zusätzlich ist bekannt, dass ca. 80 % aller Abwehrzellen des Menschen im Darm sitzen, und diese auch durch den Kontakt zu unterschiedlichen Bakterien ausgebildet und für das weitere Leben vorbereitet werden. Daraus ergibt sich, dass je vielfältiger die Bakterienwelt im Darm ist, desto besser kann sich das Immunsystem entwickeln und einen positiven Einfluss auf die lebenslange Gesundheit haben.

Quelle: GEO WISSEN Gesundheit, Nr. 12, S.72-77, 2019.

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Weihnachtsbesuche bei den Schwiegereltern beeinflussen Mikrobiom

Wer hätte das gedacht? Ein Besuch bei den Schweigereltern verändert das Mikrobiom und erhöht den Stress der Schwiegersöhne bzw. -töchter. Der vermehrte Kontakt mit der Verwandtschaft, besonders jedoch mit den Schwiegereltern während der Ferienzeit scheint ein wichtiger Faktor zu sein, der die körperliche und geistige Gesundheit beeinträchtigt (Mirza et al., 2004). Als Vermittler dieser Beschwerden konnte man das Darmmikrobiom ausmachen.

In einer prospektiven Beobachtungsstudie, für die 28 gesunde Freiwillige am 23. und 27. Dezember 2016 Stuhlproben abgegeben hatten, wurde eine 16S-ribosomale DNA-Sequenzierung der Stuhlproben durchgeführt. Um zwischen Teilnehmern, die ihre direkten Blutsverwandten besucht haben, und ihren Schwiegereltern zu unterscheiden, wurde ein multivariates statistisches Modell mit mikrobiellen Biomarkern angelegt. Es wurden zwei verschiedene mikrobielle Biomarker-Signaturen beobachtet, die die Teilnehmer, die ihre Schwiegereltern besuchten, von ihrer eigenen Familie in der Weihnachtszeit unterschieden.

Sieben Bakterienarten hoben sich mengenmäßig signifikant von diesen beiden Gruppen ab. Bei den Schwiegereltern war bei allen Ruminococcus-Arten ein signifikanter Rückgang zu verzeichnen, was sich mit psychischem Stress in Verbindung bringen lässt.

Weitere Untersuchungen sind allerdings notwendig, um Schwiegereltern tatsächlich als potentielle Faktoren für Mikrobiomveränderungen und somit als ein erhöhtes Gesundheitsrisiko einzustufen.

Quelle:
Human Microbiome Journal, The effect of having Christmas dinner with in-laws on gut microbiota composition, Nicolien C. de Clercq et al., July 2019

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Glutenfrei: Ohne Nutzen oder notwendig?

Eine doppelblinde Studie aus den USA zeigt, dass Gluten keinerlei Darmbeschwerden bei Gesunden auslöst

Die glutenfreie Ernährung liegt im Trend: Immer mehr Menschen meiden Gluten, weil sie glauben, an einer sogenannten zöliakieunabhängigen Glutensensitivität (NCGS) zu leiden. Sie stellen ihre Ernährung um und sind überzeugt, so gesünder zu leben. Essen sie jedoch ohne ihr Wissen glutenhaltige Lebensmittel, merken das die wenigsten, wie eine kürzlich veröffentlichte doppelblinde Studie aus den USA erneut verdeutlicht.

Der Markt von glutenfreien Produkten wächst beständig. In den USA versucht laut Umfragen bereits jeder Dritte, Gluten zu vermeiden. Der Jahresumsatz für entsprechen Produkte lag 2016 bei sage und schreibe 3,5 Billionen Dollar. Hierzulande ist der Umsatz laut des Marktforschungsinstituts Nielsen im Jahr 2015 um 32 Prozent auf mehr 130 Millionen Euro gewachsen, Tendenz steigend.

Knapp 30 Freiwillige – größtenteils weibliche Probanden – nahmen an der Placebo-Vergleichsstudie teil. Bei den Teilnehmern wurden im Vorfeld keinerlei gluten-assoziierten Erkrankungen diagnostiziert, sie ernährten sich aber glutenfrei. Die Probanden wurden in zwei Gruppen unterteilt, allerdings ohne zu wissen, welche Testreihe sie durchlaufen. Eine Gruppe erhielt zu ihrer gewohnten Diät Probenbeutel mit glutenhaltigem Mehl, die anderen ohne das Klebeeiweiß.

Die Testreihen der „Gluten-Gruppe“ ergaben, dass mögliche Symptome wie Durchfall, Blähungen oder Erbrechen entweder gleich blieben, zurückgingen oder sich das Befinden der Probanden sogar verbesserte. Diese erste doppelblinde randomisierte kontrollierte Studie zeigt, dass der Verzehr von glutenhaltigem Weizenmehl bei gesunden Probanden nachweislich keine Beschwerden verursacht. So lange keine diagnostisch nachweisliche Sensitivität vorliegt, ist Patienten eher abzuraten, ihre Ernährung auf „glutenfrei“ umzustellen.
Auf Gluten zu verzichten bringt also keine gesundheitlichen Vorteile. Sie kann sich sogar nachteilig auswirken: Glutenfreie Lebensmittel besitzen einen vergleichsweise höheren Fettgehalt, während der Anteil an Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen geringer ist. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) erachtet eine glutenfreie Diät ausschließlich bei Menschen für sinnvoll, die an Zöliakie, Weizenallergie und Gluten- oder Weizensensitivität leiden.

Quellen:

  • Gastroenterology 2019;157:881–883: Gluten Does Not Induce Gastrointestinal Symptoms in Healthy Volunteers: A Double-Blind Randomized Placebo Trial
    • Wiley Online Library März 2019, Neurogastroenterology & Motility: The effect of a controlled gluten challenge in a group of patients with suspected non‐coeliac gluten sensitivity: A randomized, double‐blind placebo‐controlled challenge
      • Ärzteblatt Online, März 2018: Glutensensitivität: Die meisten Betroffenen reagieren stärker auf Placebo als auf Gluten

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Syphilis-Fälle in Deutschland auf Höchststand

Der Beobachtungszeitraum erstreckt sich von 2007 bis 2017. Besonders häufig sind Männer zwischen 25 und 34 Jahren betroffen, die mit Männern sexuellen Kontakt hatten. 2017 war mit über 33000 Fällen ein Rekordjahr und übersteigt, zumindest was die bestätigten Fälle angeht, sogar die HIV-Infektionen. Dabei fand man heraus, dass in Deutschland die Ansteckungsgefahr in Berlin und Hamburg besonders groß ist. In den untersuchten zehn Jahren stieg die Zahl der Erkrankungen in Deutschland überdurchschnittlich, nämlich von 4 auf 9,1 Fälle pro 100000 Einwohner. Der Grund wird in der zurückgehenden Nutzung von Kondomen aufgrund verbesserter HIV-Therapien gesehen.

Nur etwa die Hälfte der Infizierten entwickeln Beschwerden (Geschwüre, Hautausschlag und Knötchenbildung bis hin zu Schädigungen der Gefäße und inneren Organe nach Jahren). Nur in 30 % der Fälle kommt es zu Spontanheilungen. Wichtig ist es, die Erkrankung frühzeitig zu erkennen. Dies ist durch eine geeignete Labordiagnostik leicht möglich:
• STD-Erregernachweis als Einzelanalyse: Treponema pallidum im Morgenurin/Abstrich
• STD-Detect (Profil) mittels PCR: Myco-, Ureaplasma, Clamydia, Neisseria, Treponema im Morgenurin/Abstrich

Erkennt man die Erkrankung frühzeitg, reicht zur Behandlung häufig eine Penicillin-Spritze aus. Etwa sieben Tage später ist der Erkrankte nicht mehr ansteckend.

Quelle: Spiegel online, 12. Juli 2019, Syphilis-Fälle erreichen neuen Höchststand – besonders in Deutschland

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Nur heiße Luft aus Heidelberg - Medizinische Diagnostik als Spekulationsblase

In einer Pressemitteilung Anfang Februar gab das Universitätsklinikum Heidelberg einen noch in diesem Jahr verfügbaren neuen diagnostischen Bluttest öffentlich bekannt, der Brustkrebs bereits im Frühstadium erkennen soll. Wie sich nun herausstellte, war diese Aussage weit weg von der Sachlage und wohl eher von finanziellen Interessen geprägt.

Mit der Nachricht sollte offenbar das aus der Universität ausgegründete Start-up Heiscreen inklusive des Aktienkurses eines chinesischen Investors gepuscht werden. Dies gelang mit einem Anstieg von etwa 35 % immerhin kurzzeitig. Der Vorfall steht exemplarisch für die in letzter Zeit immer öfter zu beobachtende reißerische Berichterstattung über neue diagnostische Tests in der Allgemeinpresse. Es offenbart den Widerspruch von hehrer universitärer Forschung und schnöder kommerzieller Vermarktung der Ergebnisse. Dies gilt nicht nur für die Schulmedizin, sondern ebenso oder noch viel mehr für die komplementärmedizinische Diagnostik, vor allem im Bereich der Krebsmedizin. Dass durch solche Veröffentlichungen eine Erwartungshaltung und Hoffnung bei vielen Patienten und Therapeuten geweckt wird, die letztlich nicht seriös, nachhaltig und zeitnah erfüllt werden kann, wird dabei billigend in Kauf genommen. Ebenso wie der entstehende Druck auf die medizinischen Laboratorien, solche Tests doch bitte baldmöglichst auch anzubieten.

Dazu in eigener Sache
Lab4more steht seit Jahren für mehr als nur Standardlabor: Es steht für innovative Diagnostik am Puls der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Dabei war es nie unser Ziel, um jeden Preis jede neue diagnostische Möglichkeit schnell auf den Anforderungsbogen zu bringen, sondern immer mit Augenmaß und unter Abwägung der Sachlage und der technischen Leistungsfähigkeit der Methode im Routinelabor. Was unter Forschungsbedingungen an der Universität überzeugende Ergebnisse liefert, muss unter den Bedingungen im Routinelabor noch lange nicht funktionieren. Was Hochglanzprospekte und einschlägige Publikationen als bahnbrechende Diagnostik präsentieren, zeigt dann bei genauerem Hinsehen vielleicht eine ungenügende methodische Präzision, Sensitivität oder Spezifität, um überhaupt entsprechende diagnostische Aussagen treffen zu können. Daher sehen wir unsere Verantwortung darin, jede neue diagnostische Option und jeden hochgelobten Test sehr kritisch und genau zu prüfen. Wenn wir dann davon absehen, einen Test in unser Laborspektrum aufzunehmen, hat dies gute Gründe. Mit der Fachkompetenz und Erfahrung unserer Naturwissenschaftler und Mediziner können Sie sich darauf auch in Zukunft verlassen.

Quelle: Spiegel Online, Skandal am Uniklinikum Heidelberg – Als Weltsensation beworbener Krebstest existierte so gar nicht

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Hochdosiertes Vitamin D hilft bei Multiple Sklerose

Bereits vor knapp drei Jahren las man in der Online-Ausgabe der Ärzte Zeitung, dass auf dem Londoner MS-Kongress die Ergebnisse der Solar-Studie (SOLAR: Supplementation of Vigantol® Oil Versus Placebo as Add-on in Patients With Relapsing Remitting Multiple Sclerosis Receiving Rebif® Treatment) vorgestellt wurden. Das führte zu folgendem Schluss: „Hochdosiertes Vitamin D kann offenbar die MS-Aktivität in frühen Krankheitsphasen dämpfen, vor allem bei jungen MS-Kranken.“

Sieht man sich das Studiendesign näher an, so wurden zur Interferon Behandlung zusätzlich 14000 I.E. Vitamin D pro Tag eingesetzt. Diese Menge ist nicht mit der täglichen Vitamin D-Gabe nach dem Therapieprotokoll des Brasilianers Prof. Dr. med. Cicero Coimbra, mit dem schon eine stattliche Anzahl deutscher Ärzte bei verschiedenen Autoimmunerkrankungen, aber vor allem bei Multipler Sklerose offensichtlich erfolgreich arbeiten (mind. 60000 IE Vitamin D), zu vergleichen.

Doch zeigt aus unserer Sicht die hier gezeigte Auseinandersetzung der Schulmedizin mit dem hochdosierten therapeutischen Einsatz von Vitamin D bei Autoimmunerkrankungen eine Wende in deren bis dato eher negativ-kritischen Bewertung des therapeutischen Gebrauches von orthomolekularen Substanzen. Dafür spricht auch ein hochaktuelles Review vom März dieses Jahres zur Vitamin D-Supplementierung bei MS.

Quelle:
– Ärzte Zeitung online, 23.9.2016, Hochdosiertes Vitamin D hilft bei MS

Weitere interessante Artikel auf PubMed:
– J Neuroimmunol. 2016 Nov 15;300:47-56. doi: 10.1016/j.jneuroim.2016.09.018. Epub 2016 Oct 3
– Int J Mol Sci. 2019 Mar 14;20(6). pii: E1301. doi: 10.3390/ijms20061301

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Die Zecke mit den gestreiften Beinen

Borreliose und FSME, lästig genug. Seit einigen Jahren trifft man in unseren Breitengraden auch auf einen weiteren Vertreter unter den Blutsaugern. Die tropische Hyalomma-Zecke ist deutlich größer als der Holzbock, hat gestreifte Beine, ist spinnenähnlich schnell und geht gezielt auf Jagd nach Wirten. Sie erkennt ihren Wirt auf Distanzen von bis zu zehn Metern und kann sie über mehrere hundert Meter verfolgen.

Überträger von Zeckenfleck- und Krim-Kongo-Fieber
Normalerweise ist die Gattung in Trocken- und Halbtrockengebieten Afrikas, Asiens und Südosteuropas endemisch, sie schätzt also warme oder tropische Bedingungen. Man vermutet, dass Zugvögel die Zecken nach Mitteleuropa eingeschleppt haben. Bedingt durch den Klimawandel fühlt sich die Zecke mittlerweile auch bei uns ganz wohl. Zu den bevorzugten Wirtsorganismen zählen große Säugetiere, wie z. B. Pferde, aber nicht unbedingt der Mensch. Wenig beruhigend, denn die Hyalomma gilt als Überträger von tropischen Rickettsien (Rickettsia aeschlimannii) und Arboviren, Auslöser des Fleckfiebers respektive des Krim-Kongo-Fiebers.

In den bisher in Deutschland vom Robert-Koch-Institut untersuchten 19 Exemplaren konnte man kein Krim-Kongo Virus nachweisen. Die bakteriellen Erreger Anaplasma phagocytophilum, Borrelia burgdorferi, Babesia spp., Candidatus Neoehrlichia mikurensis und Rickettsia spp. wurden ebenfalls nicht nachgewiesen. Von einem in Österreich untersuchten Exemplar ist allerdings ist ein positiver Nachweis von Rickettsia aeschlimannii bekannt. Letztlich ist derzeit noch nicht abschließend klar, welches Erregerspektrum die Hyalomma-Zecke über die bekannten Erreger aus ihrer Heimat bei uns übertragen kann, dies wird erst die Untersuchung weiterer Zecken künftig zeigen. Deshalb ist gerade bei Verdacht auf Hyalomma-Stich besondere Vorsicht geboten, ggf. sollte bei Auftreten von Symptomen eine spezialisierte Einrichtung (Tropeninstitut) zu Rate gezogen werden. Falls möglich, sollte die Zecke sichergestellt und in einer spezialisierten Einrichtung untersucht werden. Neben dem Robert-Koch-Institut befasst sich vor allem die Universität Hohenheim schwerpunktmäßig mit der Erforschung tropischer Zecken. Hier können ebenfalls verdächtige Zecken gemeldet werden.

Symptome und Beschwerden
Die Inkubationszeit für das Krim-Kongo Fieber beträgt 2-3 Tage (maximal 9 Tage) nach einem Zeckenstich. Die Symptome sind grippeähnlich mit Schüttelfrost, Fieber, Muskel-, Nacken- und Gliederschmerzen, Kopfschmerzen und Vergrößerungen der Lymphknoten, auch gastrointestinale Beschwerden treten auf (Erbrechen, Übelkeit, Oberbauchschmerzen und Durchfall), zum Teil auch Blutungen.
Achtung: Für virale hämorrhagische Fieber besteht eine Meldepflicht nach §6 Infektionsschutzgesetz.

Für Fleckfieber beträgt die Inkubationszeit ca. 7 bis 14 Tage. Symptome und Krankheitszeichen sind bei allen Fleckfieber-Rickettsiosen ähnlich: Fieber, Kopfschmerz, Muskelschmerzen, Husten und fleckigem Hautausschlag nach mehreren Tagen. Die Erkrankung sollte keinesfalls auf die leichte Schulter genommen und muss antibiotisch behandelt werden, da die Sterberate unbehandelt bei bis zu 40 Prozent liegt. Auch das Auftreten von Fleckfieber unterliegt der Meldepflicht.

Quellen u. a.:
– FSME Risikogebieten und Hyalomma in Deutschland, Epidemologisches Bulletin, Robert-Koch-Institut
– Krim-Kongo-Fieber, Topeninstitut
– Zeckenforschung in Hohenheim

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HIV-Suchtest bei rezidivierendem Herpes empfohlen

Nachdem neuerlich Meldungen über die „Heilung“ eines HIV-Infizierten durch die Medien flirrten, erscheint es angebracht, die Faktenlage kurz zu resümieren. Dank faszinierender Weiterentwicklungen der antiretroviralen Therapie gibt es das Vollbild AIDS heute in den entwickelten Ländern in der Tat nicht mehr. Behandelte HIV-Infizierte sind symptomfrei, „leben mit dem Virus“ und sind nicht infektiös. Allerdings infizieren sich mit dem HI-Virus in Deutschland immer noch ca. 1000 Personen jährlich neu, von denen etwa die Hälfte erst erkannt wird, wenn die CD4-Zellzahl unter 350 /µl abgefallen ist.

Diese „late presenter“ sprechen schlechter auf die Therapie an und zeigen vermehrt Ko-Morbiditäten. Für die vor zwanzig Jahren noch existierende Hemmschwelle zum HIV-Suchtest (HIV= AIDS= Todesurteil) gibt es heute keine Begründung mehr: Die Infektion ist behandelbar. Deshalb sollte ein HIV-Suchtest zur Regeldiagnostik bei allen sexuell übertragenen Infektionen, bei Cervix- oder Analkarzinom, ebenso bei Hepatitis C und rezidivierendem Herpes, vor allem aber bei allen Mononukleose-ähnlichen Krankheitsbildern gehören. Bei positivem Suchtest oder fraglichen Ergebnissen sollte die weitere Diagnostik und ggf. Behandlung in HIV-Schwerpunktpraxen erfolgen (www.dagnae.de/aerzte).

Wie bei so vielen eher seltenen Erkrankungen gilt gerade auch für die HIV-Infektion: Daran denken!

Quelle: Deutsche Medizinische Wochenschrift Praxis Report Nr. 2, 2019