„20 Jahre Neurostressdiagnostik – Welche Messung ist sinnvoll“
PD Dr. med. Wilfried P. Bieger
17:30-19:30  Ort: München, Bavariahaus

Die Stressmedizin hat sich in den letzten 20 – 30 Jahren fest in der medizinischen Welt etabliert, nachdem der Begriff „Stress“ schon 1936 von H Selye geprägt wurde. Unter dem Stichwort „Stress“ finden sich in PubMed > 208.000 Publikationen. Unverzichtbarer Bestandteil der Stressdiagnostik im Labor ist die Analyse der neuroendokrinen Stressparameter wie der Neurohormone Cortisol (ACTH), Pregnenolon/sulfat, DHEAS im Speichel bzw. Blut – und der Neurotransmitter im Urin: der biogenen Amine Serotonin mit den Katecholaminen (Dopamin, Noradrenalin, Adrenalin) sowie der neuroregulatorischen Neurotransmitter GABA und Glutamat. Die Messung der Neurotransmitter im 2. Morgenurin wurde in USA etabliert und von uns 2004 in Deutschland als Basis der Labor-bezogenen Stressdiagnostik etabliert.
In der Standardversion ist der Neurostresstest ein wertvolles Screeningverfahren für neuroendokrine Funktionsstörungen. Die parallele Messung der wichtigsten Metaboliten der Neurotransmitter hat das Potential der Messungen erweitert, kann allerdings wegen des erheblichen technischen und kostenmäßigen Aufwands nur begrenzt eingesetzt werden.
Die Analyse der genetischen Variablen des Neurotransmitter-Turnovers vom Transport über die Synthese, die Sekretion, den Reuptake und den Metabolismus hat sich als zu aufwendig für die Routinediagnostik erwiesen. Das Zusammenspiel der einzelnen enzymatischen Schritte ist zu komplex. Auch die neurogenetische Forschung steckt in den Anfängen, sie ist nur für Serotonin über Jahre relativ weit vorangebracht worden. Ausgerechnet die Bedeutung von Serotonin, auf dem die „Monoamin-Hypothese“ der Depression lange Zeit ruhte, wird inzwischen zunehmend in Frage gestellt. Die Rolle der eigentlich wichtigsten Neurotransmitter Gaba und Glutamat rückt erst seit kurzem in den Vordergrund.
Neue Gesichtspunkte betreffen auch das Zusammenwirken von Neurohormonen und Neurotransmittern. Neben Cortisol ist vor allem Pregnenolon für die Stressdiagnostik wichtig geworden. Daneben sind immer auch die anderen Steroidhormone, Oxytocin, Prolaktin etc. für die Praxis relevant und sollten Teil einer umfassenden Stressdiagnostik sein.